24.3.2020 Das, was nicht mehr da ist!

Tatsächlich vermisse ich alles, was nicht mehr da ist.

Dominik von der Gönna, Fotograf

Der Fotograf Dominik von der Gönna lebt seit letzter Woche nur noch im Homeoffice. Sein Radius ist beschränkt und er fotografiert das, was er auf den kurzen Wegen zum Bäcker oder durch den Wittelsbacher Park vorfindet. Am meisten vermisst er jetzt schon die alltäglichen Dinge.

Dominik von der Gönna: 

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Dafür hat er ein deutliches Mehr an Zeit vorzuweisen. Die er in seinen Sohn investiert und die entscheidenden fotografischen Momente.

Ambivalente Zeit

Am vierten Tag stehe ich der Zeit kritisch gegenüber. Trotz Krankheit arbeite ich im Homeoffice. Die Beschwerden, dass ich keine Zeit habe, steigen dennoch von allen Seiten. Das abendliche Stündchen für den Blog steigt, denn Sport, Cello und Ballettaufführungen fallen weg. Allein die Versuche eine klare Aussage bei Gesundheitsamt oder KVB zu einem gesunden Covid-Verhalten zu erhalten, fressen kostbare Minuten. Es bleibt spannend.

Der kalte Wind und fünf Minuten Frostschock im Park rücken die Prioritäten wieder auf den rechten Fleck. Die Wege sind mäßig besucht. Einsame alte Männer frieren auf Parkbänken und Mütter mit kleinen Kindern starren auf den See. Alle halten Abstand und rücken ab. Das erste Mal beneide ich die zwei Entenpaare, die sich über die vierspurige Straße einen Flug auf Parkpfützen erlauben. Weg vom heimischen Kunstsee. Ich finde sie beinahe anmaßend.

Fahren Sie nur, wenn es unumgänglich ist – sagt die Bahn

Ganz Deutschland schwelgt einstimmig im Tenor der Bahn: Nur wenn es unumgänglich ist, einkaufen, arbeiten oder zum Arzt gehen. Auch die Augsburger Bürgermeisterkandidatin hält sich daran und streamt Ihr Gespräch mit dem Ministerpräsidenten via Instagram. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir Corona-Immunität wünsche, um mich engagieren zu können und eine Art öffentliches Leben zu leben. Oder an der Front zu helfen. In Altenheimen, Kliniken – dann, wenn es richtig los geht. Die Zahlen sind keck inzwischen: 32888 Infizierte in Deutschland. Italien hat 700 Tote zu beklagen. Es wird langsam schwer, sich das realistisch vorzustellen. Ich benötige einen kognitiven Schutzschirm, um eine Distanz zu entwickeln ohne Blockbuster-Zukunfts-Panik.

Wie erkennt der Ordnungsdienst Haushaltsmitglieder?

8 Augenpaare blicken meine Tochter und mich an, bevor sie uns zunicken. Die Ordnungshüter drehen ihre Parkrunden im Kastenwagen. Die unsrige Haushaltsdefinition ist klar einzuordnen. Vater mit Kind, Mutter mit zwei Kindern, ein Ehepaar, ein alleinstehender Mann – einfach zu lösende Konstellationen, per se unverdächtig. Zwei Freundinnen, die auf der Skateanlage Fotos schießen, werden angesprochen. Seitdem überlege ich, ob es wohl ein gleichgeschlechtliches Paar war, eine Grundschulstudentinnen-WG, zwei Schwestern, die sich die Zeit vertreiben oder einfach zwei clevere Freundinnen beim Influencer-Shooting. Die Ordner zogen auf jeden Fall belustigt lächelnd von dannen. Es ist ja nicht so, dass ich nicht auch schon die ersten nonsystemkonformen Fluchtfantasien entwickelt hätte. So auf dem Mountainbike mit zwei Metern Abstand durch den Wald – mit einer Freundin vielleicht?

Häuslicher Unfrieden

In diversen Talkshows werden Zukunftsstrategien entworfen. Virologie empfehlen eine 18-monatige Pause wie diese, Wirtschaftsexperten warnen vor einem längeren Shutdown als zwei Wochen. Kriminologen wiederum befürchten einen Anstieg der häuslichen Gewalt – und zwar schon in Bälde. Zu Recht, nehme ich an. Wie immens bedeutsam ist da die Fluchtoption in eine Öffentlichkeit, wenn das Private und Zuhause ein einwöchiges Zusammenleben nicht unbeschadet überstehen. Diesen Aspekt hatte ich bis dato nicht im näheren Blick.