In eigener Sache/Architektur

Architektur pur: Wo und wie leben?

Hausbau auf dem Land, Rückzug in ein 100 Jahre altes Altstadthäuschen in der Stadt, Hausbau in der Stadt. Die Suche nach dem richtigen Platz im optimalen sozialen Milieu, ausreichend Grün und urbanem Flair für Mann, Frau und Kind, war bei uns ein irres Projekt. Hier erzähle ich sukzessive meine persönliche Geschichte zwischen Tristesse rural, Rückzug und meinem jetzigen Platz. Zwei Häuser und zwei Kinder später.

Moskau - Architektur und Anarchie im Rahmen

Wo sind all die Chruschtschow-Bauten hin?

Bei 27 Grad geschuldetem stahlblauen Himmel stutzen wir über diverse Architektur, hippe Architekturstudenten in einer alten Schokoladenfabrik, die Moderne verkündenden Bürotürme internationaler Stararchitekten von Moskau City, übrige Holzhäuser und wieder erbaute orthodoxe Kathedralen sowie Pjotr.

Vika und ich trafen am Flughafen Domodjedowa aufeinander. Sie kam aus Tjumen, Westsibirien, hat die eine Hälfte ihres Lebens dort gelebt, verbringt die andere jetzt in Deutschland. Sie ist meine Freundin und perfekte Reisebegleiterin. Und sie spricht russisch. Was hilft. Auch in Moskau.

Neuer Arbat - WM, Plattenbau und Neonlicht

Zwei Stunden, eine Zug- und Metrofahrt später stehen wir im Stadtviertel Neuer Arbat. Die Chruschtschowsen Riegel knallen uns grün, rosa Flackerlicht entgegen, das mosaikbehaftete Flachdachkino dazwischen spult karminrote Filmvorschauen ab. Kommunismus in die Neuzeit geblasen. Ob dieser Nachtauftritt noch der WM zu verdanken ist oder gängiges Standardprogramm konnte ich bis zum Ende der Reise nicht klären. Dass Städte immer Vergangenheit und Gegenwart auf den Gesichtern der Häuser tragen, ist auch nicht neu. Doch der Kontrast in Moskau ist krass. Und das durchgängig.

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Metro: 9 Millionen Menschen unter Kronleuchtern

Tags darauf wollten wir Moskau pur, vorurteilsfrei, real und nackt. Die Metro ist dafür das perfekte Transportmittel. Unkompliziert, billig und schnell. Alle 30 Sekunden transportiert sie 9 Millionen Moskauer. Die unterirdischen Hallen wurden als Paläste des Volkes in den 30ern realisiert. Sie sind der erste architektonische Wahnsinn. Kronleuchter, Mosaike, Bronzeskulpturen, die gestreichelt werden müssen. Zur Ruhe kommen kann das Auge dort nicht. Es ist bizarr und genial. Von den barocken Gewölben ging es ins Zentrum der Macht. Eine weitere Moskauer Freundin von Vika verstärkte uns. Und auf ein Boot.

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Rem Kolhaas zwischen Surfbrett und goldener Zwiebel

Neben den gängigen politischen Sehenswürdigkeiten ballte sich eine architektonische Diversität, die schwer fassbar war. Das Lushniki-Stadion links, das goldene Gehirn (Akademie der Wissenschaften) im Gorki-Park rechts, der Kreml links - groß und schwer fassbar, Pjotr, Peter der 1., in der Moskwa, dunkel furchteinflößend und größer als die Freiheitsstatue. Im Gedenken an die russische Marine.

Goldene Kuppeln vor Klinkerbauten, Empiregebäuden, Jugendstilfassaden. Gigantische Prachtalleen, die Prospekts. Fassaden, die Glastürme internationaler Stararchitekten der Moskau-City, der Kiewer Bahnhof, wieder klassizistische Fassaden, die "Sieben Schwestern" genannten stalinistischen, weiß leuchtenden Burgen, ein stetes Erinnern.

Christi-Erlöser-Kathedrale Moskau

Dazwischen die Christi-Erlöser-Kathedrale. Gigantisch, orthodox. Eingestampft von Stalin. In den 90ern wieder aufgebaut. Gegenüber ein Surf-Café in den ehemaligen Garagen der alten Schokoladenfabrik Roter Oktober.

In diesen sitzt Strelka, das nichtstaatliche Institut für Architektur, dessen Dekan Rem Kohlhaas gewesen war. Dmitry Likin und Oleg Shapiro und ihrer Firma Wowhouse ist Einiges an urbanem Lifestyle, an Nutzung öffentlicher Flächen in Moskau zu verdanken. Auch der Gorki-Park mit grünem Krimskaya-Ufer statt Autobahn und einer Eislaufbahn verdankt seine Erneuerung diesem Büro.

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Hatte ich eines nicht erwartet, dann, dass ich als Erstes über Architektur, Kreativität und Kunst, statt Politik stolpere.

Die Reise ist und bleibt ein immer währender Eindruckstaumel. Ich esse vor einem Club eine vegetarische Pizza und denke an Anastasia.

Anastasia, die Mülltrennung und das Qualifizierten-Problem

"Das Erste, was ich im Sprachkurs nach Deutschland lernte, war, wie ich meinen Müll trennen muss!" Bereits 10 Minuten nach Start im Flieger der Sibirian Air löcherte mich die 30-jährige Weißrussin Anastasia, warum in Deutschland die Phase, des sich beruflich Unter-Beweis-stellen-zu-Müssens nie zu Ende geht? Sie hatte sich in Weißrussland zur Lehrerin und Professorin ausbilden lassen, in Regensburg einen Master in Betriebswirtschaft gemacht und war jetzt Werkstudentin. All Ihre Bewerbungen wurden aufgrund ihres Einstiegsgehalts von 35 000 Euro abgelehnt. "Werden meine Fähigkeiten und Kenntnisse eigentlich irgendwann einmal honoriert?", wollte Sie von mir wissen. Ich informierte sie, dass nun üblicherweise eine Trainee-Tätigkeit, dann eine Junior-Anstellung und vielleicht mit 35 eine Festanstellung in Sicht sei. Anastasia wird bis dahin nicht mehr da sein. Sie geht Ende Dezember nach Weißrussland. Dort wird sie eine Führungsposition mit entsprechender Bezahlung aufgrund ihrer Qualifikation bekommen. Sagt sie.

Riegel gegen den Wohnungsmangel

Natürlich existieren die in Deutschland Plattenbau genannten gesichtslosen Türme mit stets dergleichen Innenausstattung nicht nur in den Randzonen Moskaus, sondern auch in der Innenstadt. Moskau ist ein Fassaden-ElDorado, aber in alle erdenklichen Richtungen. Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow bot dem Wohnmangel mit der Errichtung kartonförmiger Wohnhäuser die Stirn. Statt Kommunalka eine eigene Küche und Haustür. Ob der architektonisch fragwürdige Baustil Chruschtschows Kunstsinn zu verdanken ist - er soll dem abstrakten Künstlerbild Jewtuschenkos just in Moskau den Vorwurf "es sei mit dem Schwanz eines Esels gezeichnet" gemacht haben - bleibt eine Aufgabe für Kunsthistoriker.

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Menschen: Rasende Aktivität

Die Menschen, die ich kennengelernt habe, stellen nicht so viele Fragen. Sie wissen oft die Antworten nicht oder wollen nicht darüber reden. Sie nehmen die gesetzten Rahmenbedingungen aus Politik und Wirtschaft hin und gestalten im Rahmen des Möglichen. Das ist küchenpsychologisch interpretiert wohl gelerntes Überlebensmuster der letzten politischen Jahrzehnte. Ich fand es beeindruckend. Kein Zaudern, Verzagen und Verzweifeln, sondern Handeln. Vor allem die Frauen, so scheint mir.

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Russische Frauen und ihr Leben in gerahmter Anarchie

Im Zeitmagazin hat jüngst Alard von Kittlitz die Frau eines reichen Russens als jung, handyaffin und mit spöttischem Blick den Erzählungen ihres Mannes gegenüber interpretiert. Häufig klingt westliche Sicht auf chauvinistisch anmutende Mann-Frau-Beziehungen in Russland zweifelnd und kritisch. Na klar. Auf den ersten Blick sieht das nicht liberal, autark, frei und demokratisch aus.

Die Russinnen, die ich kenne, sehen das anders. Sie akzeptieren den Ehemann als Rahmenbedingung und familiäre Lebensgrundlage. Im Rahmen des Möglichen schöpfen sie jegliche Freiheiten aus. Kinder und Familie, berufliche Karriere. Totale Anarchie im Rahmen des Möglichen. Ein liberales Kommen und Gehen in einer Beziehung. Das schafft keine Veränderung, keine Revolution, aber auch keine Depression. Es wirkt als würden sie keine Ressourcen auf unveränderliche Fakten vergeuden, sondern ein selbstbestimmtes Leben einer unbekannten Schattenzone vorziehen.

Das ist eine gewagte subjektive Interpretation. Es ist keine allgemein gültige Wahrheit, aber eine Beobachtung.

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Noch viel schlimmer - Ich bin westliche Propaganda

"Stell dir vor, die Deutschen glauben, Homosexuelle können hier nicht unbehelligt leben. Westliche Propaganda."

SMS meiner Freundin an einer ihrer besten Freunde, in Moskau ansässig. Noch nie bin ich der Propaganda bezichtigt worden. Ich bin differenziert, recherchiere gründlich und habe einen immensen Gerechtigkeitssinn. Aber die oben zitierte Ansicht ist wohl eine. Literaten, Schriftsteller und Schauspieler, Homosexuelle, jeder hat in Moskau seinen Platz, das war und ist wohl so. Sagt der Freund und auch die Moskauer Freundin von Vika. Den Anspruch, sich auch in der Öffentlichkeit ohne Schikane bewegen zu können, im Beruflichen nicht eingeschränkt zu werden, keine Nachteile zu erfahren, tut sie mit einem Handwinken ab. Wer will schon in der Öffentlichkeit seinen Mann küssen? "Das mach ich auch nicht. In Deutschland ist es an vielen Orten auch schwer."

Mein ständiges Insistieren nach Veränderung und Verbesserung der Situation, mein Drängen, dass doch viel mehr Luft nach oben sei in Richtung Demokratie, tut sie ab. Es ist doch alles gut. Was willst du.

Ihre Perspektive ist legitim. In Deutschland ist es an vielen Orten gerade sehr schwer. Was Toleranz, Gerechtigkeit und Entspanntheit mit anderem und anderen anbelangt. Insofern halte ich mich mit weiteren kritischen Fragen zurück und lasse erst einmal wirken.

Die gerahmte Anarchie. Mit diesem Wort im Kopf fahre ich heim. Und voll mit Architektur. Klar, dass im Herbst die Kunst in Moskau dran ist und eine Runde Eislaufen im Gorki Park.

Übrigens. Wir hatten zwei Kinder im Alter von elf dabei. Sie fanden die Wachablösung an der Kremlmauer am Beeindruckendsten, da sie wegen Hinsetzens auf eine Mauer zur Ordnung gepfiffen wurden. Außerdem Eskimo-Eis und den imaginären Flug über Moskau mit echten Tropfen bei der Wolkendurchquerung und Wind im Haar.

 

Tirana geht steil

Edi Rama, der ehemalige Bürgermeister von Tirana in Albanien, hat die Fassaden bunt streichen lassen. Er ist Künstler und seine Idee folgt den Gesetzen einer simplen Psychologie. Farbenfrohe Häuserwände signalisieren Hoffnung und Aufbruch. Bis 2011 versuchte er so, den Wildwuchs in Tirana, der 1990 mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Regimes begonnen hatte, einzudämmen. Die Öffentlichkeit war es, die sich Straßenzüge und Parks erobert hatte und planlos und oft illegal konstruierte und errichtete. Kioske, Verkaufsbuden, Hotels und Häuser bis zu acht Stockwerken wuchsen in der Stadt an. Die Straßenzüge seien wie Korridore in einem Kafka-Roman gewesen, eng und immer voller, meinte Rama in einem Interview in der Züricher Zeitung 2003.

Internationale Feier für den artistischen Bürgermeister

Rama wurde gefeiert. Vor allem von Seiten des Feuilletons, der Architekten und Magazine für Design und Kunst. Fotografen liefen die Straßen ab, portraitierten dutzende renovierungsbedürftige Häuser, die in rot, grün oder blau aufgehübscht worden waren.

In den Häusern und dahinter bröckelte es weiter. Die Stadt litt unter chronischem Geldmangel, überlasteter Infrastruktur und einer wackligen Strom- und Wasserversorgung.

Es gibt ein Video aus dieser Zeit. Edi Rama hat es gemeinsam mit seinem Freund und Videokünstler Anri Sala gedreht. "Dammi i colori" dokumentiert das erste Bemalen der Fassaden. Der Film erregte das Interesse der Kunstwelt und das Augenmerk richtete sich auf diese Stadt, die auch jetzt in den EU-Beitragsdiskussionen wieder im Fokus steht. Im Juni 2019 beginnen die ersten Gespräche zu Beitrittsverhandlungen. "Große Fortschritte in Sachen  Rechtsstaatlichkeit und unabhängige Justiz", bescheinigt die EU dem kleinen Land. "In Sachen organisierte Kriminalität und Korruption sind jedoch noch Reformschritte nach zu weisen", belegt sie auch.

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Verändert Kunst politische Prozesse oder eine Gesellschaft?

Das klingt nach Veränderung. Nach Bewegung. Rama alleine, seiner Idee, Ideologie, seinen Taten als Bürgermeister, kann das nicht angelastet werden. Ob die bunten Fassaden ein Impuls waren, eine Wohlfühl-Makeup, das die Bevölkerung dahinter sich besser fühlt, mag sein. Zumindest reißen sich Journalisten und Feuilleton wieder um ihn, den jetzigen Ministerpräsidenten, denn er kann über Politik, über Kunst und Korruption sprechen. Was ihn als gern gesehenen Gesprächspartner im Zuge der ausstehenden Beitrittsverhandlungen macht.

Der neue Bürgermeister malt nicht, er gestaltet

Aber es geht weiter. Denn Erion Veliaj, der derzeitige Bürgermeister Tiranas, läuft ebenfalls Schau auf Architektursymposien. Er ist seit 2015 Bürgermeister und war Anfang des Jahres in München, um beim Symposium "Architecture Matters" unter dem Stichwort "Der große Plan" über Architektur im öffentlichen Raum zu debattieren. Er war dieses Jahr bei der Urban Future Conference in Oslo geladen und er geht in seinen Bemühungen einen ganzen Schritt weiter als Rama. Er kratzt nicht, er gestaltet. Er will die Stadt in die Hände der Bürger zurück legen. Er arbeitet deshalb überwiegend an öffentlichen Räumen, ähnlich wie es Shapiro und Likin mit ihrem Büro Wowhaus in Moskau tun.

Er gestaltet öffentliche Räume um, pflanzt 2 Millionen Bäume in einem Gürtel mitten in der Stadt. Für den Skanderberg Platz in Tirana hat er bereits dieses Jahr - nach Spanien und Polen - den European Prize for Urban Public Space gewonnen. Das CCCB, das Centre de Cultura Contemporanea, in Barcelona zeichnet alle zwei Jahre Projekte, die öffentlichen Raum aufleben und beleben, aus.

Pflanzlicher statt architektonischer Wildwuchs am Skanderberg-Platz

100 000 Quadratmeter umfasst der Platz. Edi Rama hatte ihn in seiner Amtszeit nur für Fußgänger geöffnet und den Verkehr verbannt. Sein Nachfolger revidierte dies wieder, ließ sogar Grünzonen wieder abbauen. Veliaj ließ das Projekt neu aufleben.

Heute ist der Platz eine reine Fußgängerzone, die aus Pflastersteinen in verschiedenen Tönen besteht. Zwölf Gärten mit beweglichem Stadtmobiliar sind dort angesiedelt und Wasserfontänen. Die Fahrzeuge wurden in einer Tiefgarage versteckt und alle denkmalgeschützten Gebäude herausgestellt.

Das Architekturbüro 51N4E hatte für den internationalen Ausschreibungs-Wettbewerb gemeinsam mit dem Künstler Anri Sala einen Vorschlag eingereicht und gewonnen. 2010 kam das Projekt mit dem Ende Ramas Amtszeit zum Erliegen, wurde 2015 dann von Veliaj wieder aufgenommen.

Das lokale Ökosystem findet sich in zahllosen Pflanzen wieder, die sich in einem Park um den Platz versammeln. Neben umwelttechnischen Aspekten, wie dem Verbessern des Mikroklimas der Stadt erfüllt der Park natürlich auch soziale Funktionen. Als Aufenthaltsort für die Stadtbewohner überwuchert er auch die Erinnerung an den Repräsentationsraum der sozialistischen Diktatur.

Wenn sich am Befinden der öffentlichen Plätze erkennen lässt, wie gesund eine Demokratie ist, dann tut sich wohl etwas in Albanien.

Und dann könnte man sogar reüssieren, dass Rama und Veliaj etwas gelungen ist, was externe Experten und Stadtplaner oft vergeblich versuchen - eine Stadt über Leitmotive und architektonische Veränderung zu stärken und beflügeln. Idealistisch gesehen;-).

Ach ja, seit 18.11. stellt die Kunsthalle Rostock die Zeichnungen, Tonskulpturen Ramas, die er bei Meetings und Konferenzen anfertigte, aus. Sie sind noch bis 6.1.2019 zu sehen. Könnte einen Kurztripp zwischen Weihnachten und Silvester wert sein.

Der Non-Plan: Brauchen Städte noch Planer?

Die Furchtwörter städtischer Menschen sind bereits überstrapaziert: Gentrifizierung, Disneyfizierung, Neubauten, die den Anschluss an ihre Bewohner verloren haben, Urbanisierung. Was bleibt außer der Angst, außer lokalen Protesten? Was ist architekturtheoretisch und städteplanerisch in Zukunft wirklich drin?

Utopien einer Stadt - Textilmuseum Augsburg

Wenn Stadtplaner und Experten Utopien entwickeln, schafft das zwar Räume in denen gestaltet werden kann. Doch die Gesellschaft hat das Vertrauen in Tiefbauämter, Architekten und Planer verloren. Die Wohnungsnot ist groß, neue Wohnprojekte mangeln oft stark an innovativen, kreativen Ideen, die lebenswerten Raum schaffen.

Welche Alternativen existieren entgegen der herkömmlichen Stadtplanung? Wie kann eine Stadt Wohnraum schaffen und gestalten jenseits der herkömmlichen Planungswege?

Über drei Ansätze bin ich jüngst gestolpert, die mir kreativ und bewegend erschienen. Die Planbude, ein interdisziplinäres Projekt in Hamburg, die Stiftung "Lebendige Stadt" mit Sitz in Essen und die Ausstellung des Staatlichen Textilmuseums Augsburgs zum Thema "Utopien einer vielfältigen Stadt".

Transdisziplinäres Planungsbüro -Die Planbude

Wenn sich Einwohner, Anwohner, Architekten und Bezirk zusammentun, entsteht eine Dynamik. Wie in Hamburg. Dort entwirft die Planbude, ein interdisziplinäres Planungsbüro aus Architekten, Künstlern, Musikern und Bewohnern in St. Pauli, neue Ansätze, wie Stadt anders gedacht werden kann. Das Planungsbüro hat 2014 den Auftrag durch den Bezirk Hamburg-Mitte erhalten ein Beteiligungsverfahren durchzuführen. Alle Mitwirkenden der PlanBude arbeiten dabei mitten im betroffenen Bezirk mit Workshops. Türschwellengesprächen, Informationskampagnen klar erkennbaren Tools wie Lego-Modellen, einer Nachtkarte, Fragebögen und Knetmodellen, häufig im Modus öffentliches Planungsbüro auf der Straße. In Stadtteilkonferenzen wurden die gefilterten Erkenntnisse als klare funktionale, bauliche Ansprüche formuliert und eine Grundlage für einen entstehenden Neubau geschaffen.

Das Team der Planbude A in Hamburg St. Pauli

  • 40 Prozent Mietwohnungen
  • 60 Prozent staatliche gefördert
  • 2500qm Subkultur- und Innovationscluster
  • Interessante Dachnutzungen
  • Keine Eigentumswohnungen

Kreatives Wissen um die Belange und Bedürfnisse der Einwohner des Viertels haben zu einer Architektur und Planung geführt, die gerade wegen seiner ungewöhnlichen Herangehensweise die Wünsche und Ideen der Einwohner optimal spiegelt.

... mit dem PlanBude Prozess hat Hamburg ein Modell, wie eine andere Stadtplanung funktionieren kann. Dieses Modell zeigt, dass eine Erneuerung der Stadt durch das Wissen der Vielen möglich ist – und dieses Wissen braucht.

Presseerklärung zum Verhandlungspaket, 8. Mai 2018

Benötigt eine Stadt in der Gestaltung ihrer öffentlichen Räume noch Planer?

Nicht vergessen werden darf: Planung steht in direktem Kontrast zu Lebendigkeit und Veränderung. Sie presst Prozesse und Vielfältigkeit, die Gesellschaft und menschliches Leben trägt, in Planungsbahnen für die Zukunft. Wenn ich moniere, dass zukünftige, liberale und weltoffene Stadtplanung sich verändern muss, weg von den Planungsrastern, dann reihe ich mich ein in eine Vielzahl von Projekten, Ideen und Theorien, die seit gut 10 Jahren in Universitäten, Hochschulen, stadtplanerischen Gremien Thema sind.

Urbane Vielfalt aus Arbeit, Leben und Wohnen

Die "Lebendige Stadt" unter der Leitung des Kuratoriumsvorsitzenden Alexander Otto ist beispielsweise eine Stiftung mit Sitz in Essen, die nicht nur das Wohnen, sondern auch Arbeit und Kultur bündeln will, als Prozess einer urbanen Vielfalt. Die Stiftung engagiert sich bereits seit dem Jahr 2010 und unterstützt Projekte im öffentlichen Raum, die Städte lebendiger und lebenswerter erhalten. Der aktuelle Fokus beim Kongress in Bochum September 2019 lag auf dem Krisenthema des knappen urbanen Wohnraums. "Wohnungsnot - knapper Wohnraum und wie schaffe ich nachhaltig Wohnraum" - um nur einige zu nennen. Die Stiftung ist für ihr Engagement bereits mehrfach ausgezeichnet worden u.a. mit dem BDA-Architekturpreis für die Gestaltung des Hamburger Jungfernsteigs.

Serielles Bauen, Mietrecht, Wachstum?

Günstig und schnell für viele Menschen bauen, würde diese Maßnahme Kommunen retten? Ein europaweit ausgerufener Wettbewerb, der den Dialog dieses Themas vorantreiben sollte, hat unter anderem eine Firma namens Goldbeck gekürt, die folgende Vision verfolgt. Kreativ à Lego oder Ikea schnell und günstig viel Wohnraum zu schaffen, so nennt die Firma im Marketingsprech Ihre Entwürfe und betont, weit von den Plattenbauten der 70er entfernt zu sein.

Weitere wichtige Fragen des Kongresses, die von namhaften Vertretern debattiert werden sind das Mietrecht, die Frage, ob wir noch weiter wachsen wollen und viele andere Aspekte.

Nachhaltige Holzhäuser als Stockholm!

Die Problematik allerdings, wie nachhaltiger Wohnraum konkret geschaffen werden kann, geht von der Diskussion und den ersten Ansätzen an echte Alternativen ran und wirft kreative Prozesse an. "Wie baut man schöne Häuser und schöne Umgebungen? Wie baut man wirklich nachhaltig?," frägt CEO Arne Olsson, Folkhem Produktion AB.

Arne Olsson, CEO Folkhem Produktion AB ehemaliger Beton-Fachmann plädiert für Holz als Baumaterial

Viele Fragen des Kongresses bleiben offen und unbeantwortet. Der Know-How-Austausch ist jedoch eine wichtige Säule für jeglichen Prozess der Veränderung. Die Stiftung, die seit 2010 besteht, initiiert zudem Projekte im Bereich Quartiersentwicklung, gestalteter Raum, Grün oder Licht und kümmert sich um die Nachwuchsförderung in Form von Kooperationen mit Hochschulen. Zudem verleiht sie jährlich einen Stiftungspreis an Städte und Gemeinden, die "Best-Practice-Beispiele" entworfen haben. Im Rahmen eines Wettbewerbs wird der Preis an diese innovativen Konzepte vergeben.

Utopien einer vielfältigen Stadt

Augsburg 2040 - Utopien einer vielfältigen Stadt

Eine kleine Symbiose aus konkreter PlanBude-Planung und Stiftungsarbeit stellt das interdisziplinäre Ausstellungskonzept der Stadt Augsburg zum Thema "Augsburg 2040 - Utopien einer vielfältigen Stadt" dar. Know-How-Austausch, Workshops und konkreter Ideenaustausch stecken darin und sind für mich zukunftsweisend. In Workshops mit vielen Akteuren der Augsburger Stadtgesellschaft wurde aus den Themenbereichen Wirtschaft, Gesellschaft, Vielfalt, Gesundheit, Bildung, Arbeit, Wohnen, Kultur ein interaktives Konzept entwickelt, das den Besucher beobachten, fragen und teilhaben lässt. In Sachen vielfältige Gesellschaft erfolgt emphatisches Einfühlen in Menschen mit Benachteiligungen, in 2er-Gruppen erfolgt ein Austausch über Lebensziele und Schwerpunktsetzung. Kühle, unnahbare Online-Wirtschaftswelt wird warmen Kindheitsutensilien gegenüber gestellt. Die Ausstellung wirft vor allem Fragen auf und gibt wenig Antworten. Sie spiegelt aber deutlich eine Stadt, die extrem vielseitig ist und die unterschiedlichsten Geschichten und Zukunftsvorstellungen hat. All jene zu bündeln und klar fokussiert umzusetzen, bleibt die Herausforderung.

Statt Planung - in einen Prozess einschreiten. Das wäre meine Vorstellung einer urbanen Vision. Nach diesen drei kurz umrissenen Ansätzen und Ideen.

Macht urbanes Leben depressiv?

Steile These, die im November 2019 Zeit Doctor Magazin zum Thema Psychische Gesundheit zwischen den Zeilen auftaucht, aber inzwischen leider wissenschaftlich belegt. Das gemeine Stadtleben erhöht nicht nur das Risiko für Depressivität, sondern auch für Schizophrenie und Angststörungen. Nun leben aber in der heutigen Zeit Menschen verstärkt in Städten, 70 Prozent der Weltbevölkerung sollen es bis 2050 sein, der Zuzug in kulturelle und wirtschaftlich attraktive Metropolen ist groß. Die Frage ist also - was hilft dem Einzelnen?

Neuro-Urbanistik für urbanes Glück?

Stadtbewohner erkranken also öfter - und zwar signifikant im Vergleich zur Landbevölkerung. Als urbaner Mensch trage ich ein 40 Prozent höheres Risiko an einer Depression zu erkranken, ein doppelt so hohes Risiko an Schizophrenie zu erkranken und ein 20-fach so hohes Risiko eine Angststörung zu erleiden. Das sind klare Zahlen. Die Charité Berlin, die TU Berlin, die Fliedner Klinik Berlin und die Alfred Herrhausen Gesellschaft haben 2015 das Interdisziplinäre Forum Neuro-Urbanistik gegründet - aus Mangel an Forschung zu diesem viel diskutierten Thema. Darin vereinen sich Psychiater, Depressions- und Stressforscher, Praktiker aus Architektur, Stadtplanung, Soziologie und Neurowissenschaften in der Suche nach Antworten.

Die Bad Guys: Sozialer Stress und Isolation

Projektleiter und Stressforscher Dr. Mazda Adli benennt sozialen Stress als einen der wesentlichen Risikofaktoren. Vor allem soziale Dichte und soziale Einsamkeit lassen diese Art des Stresstyps entstehen. Als Maßnahmen dagegen benennt er "Urbane Kultur" und den Willen der Politik für Grün und öffentliche Plätze, an denen Menschen sich treffen und ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen könne. Das Forum arbeitet an einer Public Mental Health Strategie für die Städte und richtet sogenannte Neurourbanistik Salons aus, welche die Öffentlichkeit in die Diskussion bringen.

Fördern "Unorte" Einsamkeit?

In der theoretischen Architekturdebatte wird häufig von so genannten "Unorten" und "Orten" gesprochen. Architekt Christoph Ingenhoven definiert diese als leere städtische Räume, denen die Eigenschaft als Ort, unter anthropologischem Gesichtspunkt abgesprochen werden kann. Diese Unorte üben auf Fotografen zwar häufig eine große Anziehungskraft ob ihres Nichts, der Strukturen und der fehlenden Seele aus, für die bewohnenden Menschen fehlt aber der "hinzufügende Aspekt, das Aufladen des Ortes, das Verankern", so Ingenhoven. Zeitgenössischer Städtebau sei oft wie eine Ansammlung von Einzelgebäuden, wie ein Architekturzoo. Ein Konzept, eine Architektursprache aus Form und Material fehle häufig. Ingenhoven verglich beispielsweise die Speicherstadt in Hamburg, in der dieser Ansatz gelungen umgesetzt sei, mit der neuen Hafencity. Ingenhoven plädiert für Mut zur Größe und zum Städtebau als dreidimensionale Kunstform.

Viele Megastädte sind eine "wunderbare Katastrophe". Sie stehen vor dem Verkehrs- und Armutskollaps, aber stellen gleichzeitig die Emanzipation von den Zwängen des Landlebens dar.

Christoph Ingenhoven, Architekt, in http://www.muenchenarchitektur.de

Charta der Neurourbanistik

Das Interdisziplinäre Forum Neuro-Urbanistik hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Sie will langfristig eine "Charta der Neurourbanistik" entwickeln, die Politik und Stadtplanung für das Thema sensibilisiert und dem Einzelnen Möglichkeiten für ein Engagement in diese Richtung aufzeigt.

Auch die Alfred-Herrenhauser-Stiftung in Berlin hat sich diesem Thema verschrieben.

Am 13. November diskutieren deshalb Elisabeth Mansfeld, die Leiterin des Arbeitsfelds Stadt, Fragen zum Thema "Die Stadt von morgen" erstmals mit Experten bei der sogenannten "Ecolution 2019" der Stiftung in Berlin. Es geht in den Workshops vor allem um nachhaltige Stadtentwicklung mit Blick auf globale Trends wie Bevölkerungswachstum und Klimawandel. Die Evolution findet am 13. November im Cafe Moskau in Berlin erstmalig statt.

Urbane seelische Gesundheit ist Zukunftsthema.

Literaturhinweise:

http://www.muenchenarchitektur.com / Jan Esche im Gespräch mit Christoph Ingenhoven und Hans Georg Esch.

http://www.healthcapital.de/news / Innovationspreis für Interdisziplinäres Forum Neuro-Urbanistik.

http://www.alfred-herrhausen-gesellschaft.de