25.03.2020: Stille und Kreativität ist eingetreten

Die Kunst an den Wänden vegetiert vor sich hin

Wilma Sedelmeier, Leitung Galerie Noah
Glaspalast Augsburg

Neu denken – Die Wahrnehmung von Kunst kann sich nun verändern

Kein Mensch und keine Geräusche begleiten Wilma Sedelmeier jeden Tag auf ihrem Gang in die Galerie Noah im Glaspalast in Augsburg. Leere Aufzüge und die hohen Betontreppenstufen verharren stumm ohne hallende Tritte. Obwohl sie als Leitung der Galerie Noah jeden Tag auf ihre Mitarbeiter trifft und Absprachen hält, fühlt sie Veränderung im zwischenmenschlichen Umgang. Eindrücklich beschreibt Sie in ihrer Audio-Botschaft die Suche nach kreativen Lösungen im Verkauf und im „Kunst-Zeigen“ für Kunden und willige Besucher der Galerie Noah.

Wilma Sedelmeier spricht über Kunst und die Galerie Noah

Zeitgemäße Verbindlichkeit in der Kunst

Kunsthistoriker Wolfgang Ulrich bestätigte in einem Interview in SWR2, dass Corona eine Chance für Kunstinteressierte sei, Kunst neu und anders kennen zu lernen. Wichtig finde er nur, dass die Kunstwerke, die per Video oder Foto dargestellt werden, die Neugier und damit eine Verbindlichkeit wecken. Das können in diesem Fall Kunsthistoriker, Galeristen oder andere Personen sein, die beispielsweise ein Kunstwerk präsentieren, vorstellen oder aber einen Rundgang durch eine derzeitige Ausstellung anbieten, und etwaige Kunden oder Besucher der Webseite und Social-Media-Accounts neugierig machen. Auch Sedelmeier dreht derzeit die aktuelle Ausstellung mit einem Kamerateam ab und plant, diese online zu stellen.

Die Neugierde, das weiß ich wiederum aus einem Gespräch mit Neurologe Gerhard Hüther, entsteht außerdem gerne in der Langeweile und Leere. Da uns die jetzige Situation zumindest kleine Fenster in dieser Hinsicht eröffnet, besteht eine Chance auf mehr Interesse und Neugier.

Mut macht mir der Zusammenhalt trotz der jetzigen Distanz

Wilma Sedelmeier, Leitung Galerie Noah

Die Enge der zwischenmenschlichen Bänder fällt auch mir täglich auf. Die fehlende Tagesstrukturierung eröffnet dutzende Telefonfenster, die von allen Parteien zugewandt und aufmerksam genutzt werden. Auch im echten Leben parliert sich neu und anders. Das Spanisch-Studio von Antonio Moreno aus dem Bismarckviertel in Augsburg kontaktet statt nicht vorhandener Sprachenschüler Spaziergänger. Die mutmachende Erstlektion in Sachen „Tranquilo“, was so viel wie „immer schön ruhig bleiben“ heißt, wich heute der Panik-Ansage: Papel del culo – dem Klopapier.

„Wir verhandeln und sprechen nicht nur zum Spaß“

Die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin und die Szene, die ich heute morgen in der ZEIT in der Wirtschaftsrubrik Pionierinnen gelesen habe, fasst den Tenor zusammen: Sie beschreibt eine Stadtratssitzung in der Heimatstadt der 34-jährigen Ministerpräsidentin. Marin leitet die Sitzung sachlich, aber zielorientiert, mit klaren mahnenden Worten: „Wir haben heute bereits fünf Stunden diskutiert, ich hoffe, sie argumentieren nicht zum Spaß.“ Oder wie Caterina Lobenstein von der Zeit es formuliert: „Hören Sie auf unsere Zeit zu verschwenden.“

Sanna Marin, derzeitige finnische Ministerpräsidentin, leitet klar und zielorientiert eine Stadtratssitzung im Jahr 2016

Fokussierung, Neugier und Verbindlichkeit

Auf drei Ebenen spielt sich heute jedes Gespräch, jeder Artikel und jedes Verhalten hat. Wir fokussieren uns zunehmend auf das Wesentliche, werden kreativ im offenen Gestaltungsspielraum und schaffen damit zukünftig mehr Verbindlichkeit im Miteinander. Ein tröstlich philosophischer Gedanke.

Auch Antonio Moreno von der Sprachenschule hegt ähnlich wie Wilma Sedelmeier die Hoffnung, dass eine Zurückbesinnung auf das Wesentliche erfolgt. Ich hege mit und zementiere jetzt mal die Perspektive, dass das wiedergewonnene Bewusstsein füreinander bestehen bleibt.

Ab sofort übe ich im Rahmen der Möglichkeiten die drei Aspekte Fokussierung, Neugier und Verbindlichkeit täglich: Fünf Minuten gemeinsames Slacklinen, Lesen, einen Ausflug in die Berge per Playmobil-Wohnmobil oder einer Longboard-Runde durch den Park. Das, was möglich ist und neugierig macht.

In der Schlussfolgerung bedeuten die Erkenntnisse des Tages: Wenn wir uns nun, in der Krise, ganz zielorientiert nur mit den Fakten versorgen, die uns interessieren und neugierig machen, dann werden wir verbindlich zusammenhalten.