Der Non-Plan. Brauchen Städte noch Architekten und Planer?

Gesichtsloser Neubau Neubau

Die Furchtwörter städtischer Menschen sind bereits überstrapaziert: Gentrifizierung, Disneyfizierung, Neubauten, die den Anschluss an ihre Bewohner verloren haben, Urbanisierung. Was bleibt außer der Angst, außer lokalen Protesten? Was ist architekturtheoretisch und städteplanerisch in Zukunft wirklich drin?

Utopien einer Stadt – Textilmuseum Augsburg

Wenn Stadtplaner und Experten Utopien entwickeln, schafft das zwar Räume in denen gestaltet werden kann. Doch die Gesellschaft hat das Vertrauen in Tiefbauämter, Architekten und Planer verloren. Die Wohnungsnot ist groß, neue Wohnprojekte mangeln oft stark an innovativen, kreativen Ideen, die lebenswerten Raum schaffen.

Welche Alternativen existieren entgegen der herkömmlichen Stadtplanung? Wie kann eine Stadt Wohnraum schaffen und gestalten jenseits der herkömmlichen Planungswege?

Über drei Ansätze bin ich jüngst gestolpert, die mir kreativ und bewegend erschienen. Die Planbude, ein interdisziplinäres Projekt in Hamburg, die Stiftung „Lebendige Stadt“ mit Sitz in Essen und die Ausstellung des Staatlichen Textilmuseums Augsburgs zum Thema „Utopien einer vielfältigen Stadt“.

Transdisziplinäres Planungsbüro -Die Planbude

Wenn sich Einwohner, Anwohner, Architekten und Bezirk zusammentun, entsteht eine Dynamik. Wie in Hamburg. Dort entwirft die Planbude, ein interdisziplinäres Planungsbüro aus Architekten, Künstlern, Musikern und Bewohnern in St. Pauli, neue Ansätze, wie Stadt anders gedacht werden kann. Das Planungsbüro hat 2014 den Auftrag durch den Bezirk Hamburg-Mitte erhalten ein Beteiligungsverfahren durchzuführen. Alle Mitwirkenden der PlanBude arbeiten dabei mitten im betroffenen Bezirk mit Workshops. Türschwellengesprächen, Informationskampagnen klar erkennbaren Tools wie Lego-Modellen, einer Nachtkarte, Fragebögen und Knetmodellen, häufig im Modus öffentliches Planungsbüro auf der Straße. In Stadtteilkonferenzen wurden die gefilterten Erkenntnisse als klare funktionale, bauliche Ansprüche formuliert und eine Grundlage für einen entstehenden Neubau geschaffen.

Das Team der Planbude A in Hamburg St. Pauli

  • 40 Prozent Mietwohnungen
  • 60 Prozent staatliche gefördert
  • 2500qm Subkultur- und Innovationscluster
  • Interessante Dachnutzungen
  • Keine Eigentumswohnungen

Kreatives Wissen um die Belange und Bedürfnisse der Einwohner des Viertels haben zu einer Architektur und Planung geführt, die gerade wegen seiner ungewöhnlichen Herangehensweise die Wünsche und Ideen der Einwohner optimal spiegelt.

… mit dem PlanBude Prozess hat Hamburg ein Modell, wie eine andere Stadtplanung funktionieren kann. Dieses Modell zeigt, dass eine Erneuerung der Stadt durch das Wissen der Vielen möglich ist – und dieses Wissen braucht.

Presseerklärung zum Verhandlungspaket, 8. Mai 2018

Benötigt eine Stadt in der Gestaltung ihrer öffentlichen Räume noch Planer?

Nicht vergessen werden darf: Planung steht in direktem Kontrast zu Lebendigkeit und Veränderung. Sie presst Prozesse und Vielfältigkeit, die Gesellschaft und menschliches Leben trägt, in Planungsbahnen für die Zukunft. Wenn ich moniere, dass zukünftige, liberale und weltoffene Stadtplanung sich verändern muss, weg von den Planungsrastern, dann reihe ich mich ein in eine Vielzahl von Projekten, Ideen und Theorien, die seit gut 10 Jahren in Universitäten, Hochschulen, stadtplanerischen Gremien Thema sind.

Urbane Vielfalt aus Arbeit, Leben und Wohnen

Die „Lebendige Stadt“ unter der Leitung des Kuratoriumsvorsitzenden Alexander Otto ist beispielsweise eine Stiftung mit Sitz in Essen, die nicht nur das Wohnen, sondern auch Arbeit und Kultur bündeln will, als Prozess einer urbanen Vielfalt. Die Stiftung engagiert sich bereits seit dem Jahr 2010 und unterstützt Projekte im öffentlichen Raum, die Städte lebendiger und lebenswerter erhalten. Der aktuelle Fokus beim Kongress in Bochum September 2019 lag auf dem Krisenthema des knappen urbanen Wohnraums. „Wohnungsnot – knapper Wohnraum und wie schaffe ich nachhaltig Wohnraum“ – um nur einige zu nennen. Die Stiftung ist für ihr Engagement bereits mehrfach ausgezeichnet worden u.a. mit dem BDA-Architekturpreis für die Gestaltung des Hamburger Jungfernsteigs.

Serielles Bauen, Mietrecht, Wachstum?

Günstig und schnell für viele Menschen bauen, würde diese Maßnahme Kommunen retten? Ein europaweit ausgerufener Wettbewerb, der den Dialog dieses Themas vorantreiben sollte, hat unter anderem eine Firma namens Goldbeck gekürt, die folgende Vision verfolgt. Kreativ à Lego oder Ikea schnell und günstig viel Wohnraum zu schaffen, so nennt die Firma im Marketingsprech Ihre Entwürfe und betont, weit von den Plattenbauten der 70er entfernt zu sein.

Weitere wichtige Fragen des Kongresses, die von namhaften Vertretern debattiert werden sind das Mietrecht, die Frage, ob wir noch weiter wachsen wollen und viele andere Aspekte.

Nachhaltige Holzhäuser als Stockholm!

Die Problematik allerdings, wie nachhaltiger Wohnraum konkret geschaffen werden kann, geht von der Diskussion und den ersten Ansätzen an echte Alternativen ran und wirft kreative Prozesse an. „Wie baut man schöne Häuser und schöne Umgebungen? Wie baut man wirklich nachhaltig?,“ frägt CEO Arne Olsson, Folkhem Produktion AB.

Arne Olsson, CEO Folkhem Produktion AB ehemaliger Beton-Fachmann plädiert für Holz als Baumaterial

Viele Fragen des Kongresses bleiben offen und unbeantwortet. Der Know-How-Austausch ist jedoch eine wichtige Säule für jeglichen Prozess der Veränderung. Die Stiftung, die seit 2010 besteht, initiiert zudem Projekte im Bereich Quartiersentwicklung, gestalteter Raum, Grün oder Licht und kümmert sich um die Nachwuchsförderung in Form von Kooperationen mit Hochschulen. Zudem verleiht sie jährlich einen Stiftungspreis an Städte und Gemeinden, die „Best-Practice-Beispiele“ entworfen haben. Im Rahmen eines Wettbewerbs wird der Preis an diese innovativen Konzepte vergeben.

Utopien einer vielfältigen Stadt

Augsburg 2040 – Utopien einer vielfältigen Stadt

Eine kleine Symbiose aus konkreter PlanBude-Planung und Stiftungsarbeit stellt das interdisziplinäre Ausstellungskonzept der Stadt Augsburg zum Thema „Augsburg 2040 – Utopien einer vielfältigen Stadt“ dar. Know-How-Austausch, Workshops und konkreter Ideenaustausch stecken darin und sind für mich zukunftsweisend. In Workshops mit vielen Akteuren der Augsburger Stadtgesellschaft wurde aus den Themenbereichen Wirtschaft, Gesellschaft, Vielfalt, Gesundheit, Bildung, Arbeit, Wohnen, Kultur ein interaktives Konzept entwickelt, das den Besucher beobachten, fragen und teilhaben lässt. In Sachen vielfältige Gesellschaft erfolgt emphatisches Einfühlen in Menschen mit Benachteiligungen, in 2er-Gruppen erfolgt ein Austausch über Lebensziele und Schwerpunktsetzung. Kühle, unnahbare Online-Wirtschaftswelt wird warmen Kindheitsutensilien gegenüber gestellt. Die Ausstellung wirft vor allem Fragen auf und gibt wenig Antworten. Sie spiegelt aber deutlich eine Stadt, die extrem vielseitig ist und die unterschiedlichsten Geschichten und Zukunftsvorstellungen hat. All jene zu bündeln und klar fokussiert umzusetzen, bleibt die Herausforderung.

Statt Planung – in einen Prozess einschreiten. Das wäre meine Vorstellung einer urbanen Vision. Nach diesen drei kurz umrissenen Ansätzen und Ideen.