Wir darben in der inneren Einkehr ohne Reize und das Absurde …

Kultur-Shutdown. Tanja Dückers im Gespräch.

Kulturshutdown und Einsamkeit: Autorin Tanja Dückers im Gespräch

Ohne Kultur findet unsere melancholische Seele kein Zuhause … 

… so bringt es Herbert Grönemeyer in einem Artikel für die Zeit am 5. November auf den Punkt. Er bezieht sich auf den Kultur-Shutdown, die fehlenden Kulturveranstaltungen, die – zum zweiten Mal seit dem Frühjahr – durch den neuen Lockdown brach liegen. All die Fluchtwelten, die unsere Seele füttern, existieren nicht mehr – oh ja.

Tanja Dückers weiß über die kulturelle Auszeit ein Klagelied zu singen und Eskapismus ist auch mein aktuelles Lieblingswort, Freunde sprechen mich schon fragend darauf an. Ich hatte meine Dumpfheit und Mattigkeit auf die mir fehlenden Reisemöglichkeiten projiziert, mir mit mehrmaligen Balletttanz die Woche Luft für meine Emotionen geschaffen. Und mit dem Versuch Cello zu erlernen. Der dicke Gefährte erweckt mein tiefes Bauchgefühlt, zerrt den Kopf aus der Laptop-Enge, setzt all die fliegenden Digitalfragmente ab und verschafft den Gefühlen Luft. Aber ja, die öffentlichen Räume zum Sinnieren sind geschlossen. Kunst, Ausstellungen, in Stille durch das Weiß des Gropius-Baus zu wandeln. Und anschließend, mit Kunst ruhig meditiert, aus dem Bau zu wanken: das fehlt.

Die Pandemiepflicht: erwachsenes Vernunftverhalten statt kreatives Let-Go

Ich war lange weg aus diesem Blog. Seit Juni. Ich habe eine neue Stelle angenommen und eine Freiberuflichkeit, die mir und meinen Kindern zwar den kapitalen Boden ebnet, dafür aber alle Sekunden für kreatives Schaffen frisst.

Autorin Tanja Dückers spricht im Kultur-Shutdown über Zuversichtliches

Aber ich hatte, kurz nach dem Ende des ersten Lockdowns Anfang Juni, noch mit der Berliner Autorin Tanja Dückers gesprochen. Sie hatte meine Anfrage damals spontan zwischen mehrere Aufträge gepresst und mir geschildert, wie es sich anfühlt mit Corona – das sich Entfalten nach dem Shutdown der Kultur, nach der kulturellen Dürre, die Neuorientierung. Sie hat zurück geblickt, mir ihre Bedenken und das zukünftig Zuversichtliche ausdrücklich geschildert. Jetzt sitzen wir seit Anfang November im zweiten Light Lockdown, der gestern, am 25. November, bis Ende Dezember verlängert wurde.

Und obwohl sich so viel verändert hat – es existiert ein Impfstoff, eine Studie bestätigt, dass Kitas den Virus kaum übertragen, die zweite Welle ist herausfordernder für das Gesundheitssystem als gedacht – haben auch jetzt im November die meisten von Tanja Dückers Worten Bestand.

Wie sieht Dein Alltag aus? Was hat sich geändert in deiner Arbeitsweise und deinen Abläufen?

Ehrlich gesagt hat sich mein Alltag nicht grundsätzlich verändert, da ich als Schriftstellerin immer zuhause arbeite. Was sehr anders ist, dass mein Mann und Sohn nun tagein, tagaus da sind. Mein Mann arbeitet für eine Menschenrechtsorganisation und hat ansonsten viele Termine. Nun wird alles im Home Office erledigt. Unser Sohn hat Homeschooling. Natürlich ist das alles erst einmal eine Herausforderung, aber es freut mich zu sehen, wie man zusammen eine neue Struktur – andere Essenszeiten, andere Betreuungszeiten etc. etc. – etablieren kann, die dann doch funktioniert. Wenn man die Ansprüche an sich selbst etwas herunterfährt und in der privilegierten Situation ist, seinem Arbeitgeber – in meinem Fall einem Verlag – um zeitlichen Aufschub bitten zu können. Ich bin mir meiner Privilegien in dieser Situation bewusst.

Welche kreativen Möglichkeiten haben sich gefunden, mit den veränderten Bedingungen umzugehen?

Viele. Statt Yogagruppe spiele ich nun Federball oder Frisbee mit unserem Sohn. Statt einer Reihe von Sitzungen gibt es nun Online-Meetings – das ist ja jetzt ganz normal und auch nicht sonderlich kreativ von mir. Ich bin erstaunt wie gut dies im Allgemeinen von der Kommunikation her funktioniert. Für eher introvertierte Menschen sind solche Online-Treffen oft sogar angenehmer als Vor-Ort-Sitzungen: Es entfällt der anstrengende Small Talk vor- und nachher, das Klüngeln und Klungeln.

Statt mich zu verabreden telefoniere ich regelmäßig mit Freundinnen. Man kommt oft eher zum Wesentlichen, weil man nicht drei Stunden am Telefon hängen will.

Welche Aspekte bereiten Dir Sorgen?

Natürlich einiges. Ich weiß nicht, ob ich hier etwas sagen kann, was nicht schon vielfach geäußert wurde.

Corona Tanja Dückers

Corona schärft Geschlechter- und soziale Ungleichheit

Die Corona-Krise verschärft die soziale Ungleichheit und mildert sie nicht ab. Das betrifft auch die zwischen den Geschlechtern. Mein Feld als Schriftstellerin und Journalistin ist der Kultur- und Medienbereich, deshalb an dieser Stelle etwas zum Corona-Backlash auf diesen Gebieten. Seit Beginn der Coronakrise sind es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vor allem männliche Intellektuelle, die von den Medien sowie den Verlagen um Krisendeutung gebeten werden. Wieder einmal treten Frauen, wenn sie vors Mikro geholt werden, eher als „Betroffene“ auf („Wie machen Sie das denn jetzt mit dem Home Office und dem Homeschooling?“), Männer hingegen als „Erklärer“. Sie sind es nun, die, eigentlich genauso im Dunkeln tappend wie ihre Kolleginnen, zu großen globalpolitischen Mutmaßungen ausholen, entweder den Virologen-Insider oder den Politikberater mimen. Viele dieser Überzeugungen sind selbstredend erratisch und nach zwei Wochen wieder Matsch (Schnee gibt es ja nicht mehr) von gestern. Doch an Selbstbewusstsein, um mal schnell zur Kritik an „den“ Virologen und „der Bundesregierung“ auszuholen, fehlt es nicht.

Schweres Los der Einsamkeit für Kinder, Teenager oder ältere Menschen 

Ferner: Die Einsamkeit der alten Leute. Eine Tante meines Mannes hat sich nun in einem Pflegeheim Corona zugezogen. Es geht ihr sehr schlecht. Niemand darf sie besuchen. Das ist so traurig. Und solche Erlebnisse haben ja viele Familien gemacht und werden auch noch viele machen.

Mich beschäftigt auch die Situation der jungen Leute. Wie muss es jetzt für Teenager sein, wieder an ihre Herkunftsfamilie gekettet zu sein? Das kann viel emotionalen Sprengstoff bedeuten. Und die Kinder: es setzt schon viel Engagement von Eltern voraus, damit die Kleinen genug Abwechslung haben. Bewegung, Anregung und so weiter. Man muss sich wirklich reinhängen. Das können viele Leute einfach nicht, die das Land am Laufen halten.

Sorgen bereit mit allerdings auch das deutsche Schulsystem als solches. Viele Schulen, so auch die unseres Sohnes, sind äußerst schlecht vorbereitet gewesen. Online-Unterricht gibt es nur für Schüler*innen, die Glück und einen engagierten, technikaffinen Lehrer haben. Die Nebenklasse muss sich die Unterlagen auf Papier in der Schule abholen. Die Krise jetzt offenbart viele Schwächen des Schulsystems und damit meine ich nicht nur die oftmals mangelnde digitale Ausstattung. Es fehlt auch an Personal, die Klassen sind zu groß – es fehlt auch jetzt oft an Phantasie, wie man den Schüler*innen auch mit begrenzten technischen Mitteln interessanten Unterricht anbieten kann.

Kleiner Shut-Down in der Literatur: Verlage publizieren weniger

Mit den Sorgen hört es hier noch nicht auf: Der Literaturbetrieb wird sich sicher ändern, die Verlage in Zukunft weniger Bücher publizieren (schon jetzt wurden viele Frühjahrstitel auf den Herbst verlegt, Herbsttitel auf das Frühjahr 2021). Der auch schon vor Corona bestehende Trend, immer mehr auf wenige Star-Autoren zu setzen, wird sich verfestigen. Das gilt auch für andere künstlerische Branchen.

Kurios und ungewöhnlich: Was passiert mit der Vielfalt der Cafés und Restaurants nach dem Shut-Down?

Was Cafés, Gaststätten und Restaurants angeht, hoffe ich ebenso, dass die Einschränkungen nicht dazu führen, dass die große Vielfalt und interessanten, kuriosen, schönen und ungewöhnlichen Lokalitäten z. B. in Berlin nach Corona einer Monokultur von wenigen Großen weichen wird. Ich versuche kleine Restaurants in meinem Kiez durch Take-Away-Bestellungen zu unterstützen.

Was macht dir Mut während diese kulturellen Verschlusses?

Leute, die im Shut-Down etwas auf die Beine stellen, statt zu jammern

Initiativen wie diese. Leute, die jetzt nicht jammern, sondern etwas auf die Beine stellen. Die vielen tollen Live-Stream-Kultur-Events, die virtuellen Museumsrundgänge, die Haltung der Leute: Okay, das Eine geht jetzt eben nicht, aber dann lasse ich mir eben etwas Anderes einfallen – against all odds.

Ich finde schon, dass es derzeit – ob in privaten Gesprächen oder im digital-öffentlichen Raum – sehr viele reflektierte Ansätze gibt – und zwar was eigentlich alle Lebensbereiche angeht:

Von unserem Verständnis von Arbeit und Arbeitsräumen, von unserer ungleichen Aufmerksamkeitsverteilung, was prestigeträchtige und weniger prestigeträchtige Berufe angeht, von unsere Ausgestaltung von Beziehung und unserem Zusammenleben miteinander, von unserer Haltung zu Optionalität, „Abwechslung“ und dem Wunsch von ständiger Verfügbarkeit von allem, von unserer Wertschätzung von Gesundheit – bis zum großen innen- und außenpolitischen Rahmen: Welche Kompetenzen soll der Bund, sollen die Länder besitzen bzw. Brüssel oder die EU-Einzelstaaten? All das wird gerade neu verhandelt. Es ist eine zum Teil bedrückende, in jedem angespannte, hochinteressante Zeit.

Kritischer Beitrag und Essay in Zeiten des Kultur-Shutdown von Tanja Dückers

Ich habe heute mit Tanja nochmals gesprochen und sie hat mich auf einen kritischen Beitrag von ihr verwiesen zum Thema kompletter Kultur-Shutdown ab November.

Zudem hat sie ein Essay verfasst mit feministischen Impetus über die Rolle von Frauen und Männer während der Pandemie. Ihr findet ihr Essay „Sie leidet. Er deutet“ in: „Echoräume des Schocks. Wie uns die Corona-Zeit verändert. Reflexionen Kulturschaffender und Kreativer“, Hg. Franziska Richter, Dietz Verlag, Bonn 2020.

Shut-Down light: Erster Advent mit langem Atem

Ursprünglich wollte ich diesen Blogeintrag mit den immerwährenden Mantra-Worten des Novembers, denen des abgewählten US-Präsidenten Donald Trumps, beginnen. Der Anfang lautete ursprünglich so:

„Wir haben noch nicht verloren …“. Man sollte eigentlich nicht mit den Worten dieses ehemaligen Präsidenten spielen, der seinen sozialen und psychischen Defiziten so bitterlich bis ans Ende seiner Zeit treu bleibt. Und doch wird uns sein zäher und tragischer Abschiedskampf von diesen Novembertagen bis hinein in den Januar begleiten. 

Und siehe da. Vier Wochen später, am 27. November, trat er erstmals vor die Presse und verkündete zumindest seine Bereitschaft den Übergang zu gestalten.

Und um die Kurve zum ursprünglichen Teaser zu schlagen. Wir werden auch einen etwas zähen Kampf führen und Langmut beweisen, in diesem Winter 2020/21. Doch wenn es ein Mann wie Trump schafft, schwere Situationen zu akzeptieren und neue Schritte einzuleiten, dann sollten psychisch ausbalancierte Menschen, wie es die meisten von uns sind, das bis in das Frühjahr hinein auch schaffen.