7.4.2020 Brasilien und Deutschland am Dienstag

Sophia und Konstantin treffen wir auf einer Fotorunde im Wittelsbacher Park. Da das Examen zur Physiotherapeutin erst mal im Unklaren schwebt, nutzt sie neben Online-Lernen die Zeit vor allem zu Sport – zum Joggen, Biken oder Acro-Yoga. Konstantin hat es rechzeitig vor dem Shut-Down nach einem Praktikums-Semester zurück nach Augsburg verschlagen. Auch er kann von zu Hause aus an seiner Bachelor-Arbeit schreiben. Sport und seine digitale Kommunikation mit Freunden halten ihn geerdet.

AnaCris Pinheiro Villaca ist Inhaberin eines Studios in Sao Paolo, Brasilien. Sie arbeitet mit verschiedenen manuellen Therapien, überwiegend mit Rolfing (Manipulation der Faszien) und sogenannten Mind-Body-Techniken wie Gyrotonic, Gyrokinesis und Pilates. Sie ist immer nah am Körper des Menschen oder an der Seele, vor allem ganzheitlich. Der Shut-Down in Brasilien hat ihr Studio AnaCris getroffen und geschlossen: „Ich musste alle Sessions absagen, seit vier Wochen, ich habe auch einige ältere Leute, die ich behandle und jede Woche treffe. In zwei bis drei Wochen wird der Höhepunkt der Krankheit erwartet und wir werden wohl noch drei bis vier Wochen zu Hause bleiben.“

AnaCris Pinheiro Villaca
AnaCris erzählt, wie sie derzeit mit den Kunden arbeitet

Körpertherapie und Kundenorientierung per digitalen Hilfsmitteln

„Ich frage, was die Kunden zu Hause an Equipment haben, Gegenstände aus der Küche, die für die Massage genutzt werden können oder Tennisbälle. Der Sinn des Ganzen ist vor allem, dass die Menschen ihren Körper spüren, um nicht in dieser wahnsinnigen Sorge um die Zukunft gefangen zu sein. Und das leite ich über den Körper an“, so die Therapeutin.

Der berufliche Aspekt sorgt AnaCris, neue Wege zu finden, Körpertherapie mit den Kunden zu praktizieren und die Verbindung mit ihnen aufrecht zu erhalten. Zudem macht sie sich Gedanken über die mentale Gesundheit ihrer Klienten und frägt sich, ob sie als Therapeutin, die sie selbst diese mentale Belastung trägt, diese ausreichend auffangen kann.

AnaCris spricht über Deutschland und Brasilien

Mut macht AnaCris ihr fester Glaube daran, dass nichts ohne Grund passiert: „Auch wenn wir das jetzt nicht verstehen können, denke ich, dass es einen Sinn gibt und die Menschheit vor allem in der Krise und den schwierigen Momenten lernt.“ Sie hegt außerdem die Hoffnung, dass die Menschen, wenn sie nicht draußen unterwegs sein können, sich nach innen wenden, um tiefer zu reflektieren und letztendlich kollektiver zu denken.

AnaCris zitiert aus einem Brief, den sie an Ihre Freundinnen geschickt hat

Der Schmerz als Möglichkeit zu wachsen und ein besserer Mensch zu werden. „Never waste a Crisis“ – hatte auch schon Carmen zitiert.

Drei Steineketten baumeln um den Hals meiner Tochter. Wir bohren Löcher in Steine. Wir tanzen Ballett am Küchentisch. Wir würden gerne das Trampolin eingraben und die Boulderwand bauen. Aber wir glaubten lange nicht daran, dass Geschäfte schließen würden. Wäre ich alleine, wünschte ich mir, es würde immer so bleiben. Arbeit, Literatur, Muße und Literatur. Cello. Sport. Fertig. Nichts fehlt. Mit Familie fehlt viel. Vor allem Zeit und Ruhe. Für Arbeit, Literatur, Muße und Literatur. Cello. Sport. Fertig.

Sophia und Konstantin gehen inzwischen übrigens sogar spazieren.

Wir sind schon ziemlich geerdet alle inzwischen;-).