3. Wochenende: Zehn nach zwölf. Kunst im luftleeren Raum.

4./5. April: Wenn überhaupt war es stets fünf vor zwölf. Und zwar neulich erst. Als das noch niemand wusste: Als der Graffiti-Verein „Die Bunten die Ausstellung „Abzug“ in der Karolinenstraße veranstaltete. Es war Freitag Abend, ein Kommen und Gehen, ein mobiler Klavierspieler fand einen Platz, Personen ihr Gespräch. Im leerstehenden zweistöckigen Gebäude visierten ehemalige Sprayer alte Fotos, neben Eltern und Kindern, zufällig Gekommenen, die ein Getränk nahmen und Neugierigen, die Fotos obserierten. Die ersten fingen an zu tanzen, der Gehweg vor dem Gebäude war voll. Zu sehen gab es Graffitis. Von unterschiedlichen Fotografen und deren individuellen Blickwinkeln. Nun wissen wir, dass auch der Blickwinkel jedes Besuchers sich innerhalb der nächsten 10 Tage ändern würde. Und was in demokratischen, urbanen Gesellschaften klar ist – Kunst im öffentlichen Raum zu gestalten, steht nicht aus politischen, städtischen oder privaten Interessen zur Debatte, sondern aus viralen.

Neue Strukturen und Kunst im öffentlichen Raum?

Auf dem Gaswerkareal und im realen Leben ist es nun gefühlt 10 nach zwölf. Kurz vor existiert nicht mehr. Kein Termindruck, keine Zeiteile, kein rasender Alltag. Wir sind im luftigen, neu bespielbaren Raum. Für Künstler und Vereine liegt viel brach und offen. „Die Bunten“ haben alle Workshops und Veranstaltungen abgesagt. Auch eine „Plattform“ für das Training der Graffiti-Sprayer gibt es nicht mehr. Daniel Tröster vom Verein „Die Bunten e.V., Verein zur Förderung der Graffiti Kultur“ berichtet.

Graffiti Sprayer arbeiten an der Außenwand der ehemaligen JVA für die Hochschule Augsburg
Daniel Tröster von „Die Bunten e.V.“ über Graffiti in Zeiten von Corona

Die perspektivische Ausrichtung, die Daniel für die Vereinstätigkeiten lebt, behält er für die künstlerische Arbeit bei: „Der Systemwechsel, der derzeit möglich ist, schafft auch Platz für Neues, da Strukturen sich neu erfinden müssen.“ Er geht davon aus, dass gerade junger Kunst dieser Prozess gut tut.

Daniel Tröster spricht über Kunst und Perspektive

Der gestrandete Wal

Am Samstag drehen wir eine frühmorgendliche Fotorunde. Am Zentralklinikum gähnt der leere Besucher-Parkplatz, die orthodoxe Kirche weist auf griechisch ihre Gläubigen zurück, der ECE Großmarkt verwaist, der Metroparkplatz voll. Auf dem Gaswerkareal museale, abstrakte Stimmung. Grüne kreisrunde Handläufe, die sich in der Auffahrt der leeren Parkgarage wiederholen. Der gestrandete Wal schlummert in Frieden.

Sonntag: Dicke Luft vertrieben. Inlinen und auf Lidl-Parkplatz Zirkus spielen. Kaiserschmarrn. Kugeln, Perlen, Buchstabenperlen. Fädeln. Abends laufen. Sport verleiht Freiheit im blockierten Alltag. Wenn die Zeit nach zwölf offen steht und sich neue Perspektiven auftun. Zehn nach zwölf ist schöner.