2. Wochenende: Zerstörerische Fliehkräfte und New York liegt brach

27./28.03.2020 New York steht leer. Über 100 000 Infizierte melden die USA inzwischen und Präsident Trump erwägt ganz New York unter Quarantäne zu stellen. Bilder der menschenleeren Straßen queren das Netz, wie bearbeitete Computerbilder, ob der Surrealität – nicht vorstellbar. In Schlangen lassen sich die Menschen testen, eine Ärztin erzählt von 30-Jährigen, die auf der Intensivstation landen.

Fliehkräfte im Wintersport

Leere Stadien gab es, anders als in den USA, im Wintersport bereits vor Monaten. Langläufer, Biathleten und Alpin-Sportler traten die letzten Wettkämpfe der Wintersaison nicht mehr oder vor leeren Rängen an. Ihre Gesundheit wollte geschützt sein. Der Langlauf-Weltcup in Quebec wurde abgesagt, das Saisonfinale der Biathleten auf Samstag vorgezogen. Der Weltcup-Winter endete – nach Ansage des Weltverbandes IBU – bereits vorgezogen am 13. März. Zuvor waren bereits die Raw-Air-Tour der Skispringer und auch alpine Skirennen in Are und Kranjska Gora gestrichen worden.

Die zerstörerischen Fliehkräfte um uns wirken. Wir sind nicht blauäugig, wir spielen alle Szenarien durch und versuchen, möglichst ohne größere Schäden durch die Krise zu kommen. Bleibt abzuwarten, was uns ins Buch diktiert wird.

Stefan Schwarzbach, Geschäftsführer Marketing GmbH, Deutscher Skiverband

Stefan Schwarzbach, Geschäftsführer und Kommunikationsdirektor im Deutschen Skiverband, ist derzeit zuversichtlich. Die Athleten halten sich individuell fit und die Rahmenbedinungen für das Training sind gesteckt. In der Zentrale, im Haus des Ski in Planegg, ist der Büroalltag auf Home-Office umgestellt. Die Abläufe sind routiniert eingespielt, da die Wintermonate dezentrales Arbeiten häufig von den Mitarbeitern einfordern.

Natürlich bemerkt auch er, dass viele Partner und Sponsoren bereits hart getroffen sind.

Stefan Schwarzbach, Kommunikationsdirektor Deutscher Skiverband
Stefan Schwarzbach, Deutscher Skiverband, Kommunikationsdirektor

„Wir bereiten uns entsprechend vor. Inwiefern sich die Abläufe langfristig verändern, bleibt abzuwarten. Wir sind in der Beobachterrolle und oberste Priorität hat die Gesundheit der Sportler und unserer Mitarbeiter.“ Der Deutsche Skiverband handelt schrittweise, aber vorausschauend. Da die Sommermonate vor der Tür stehen, ist für akute Planungs-Phasen noch ausreichend Luft nach oben.

Breitensport und die schwarze Wolke mit drei Streifen

Auch im Breitensport zeigen sich die Sportvereine kreativ. Obwohl das Vereinsleben weitestgehend brach liegt, behelfen sich viele Vereine mit Online-Kursen für Ihre Mitglieder. Während des deutschlandweiten Vereins-Engagements zieht ein kollektiver Shitstorm in den sozialen Medien über den Sport-Konzern mit den drei Streifen, Adidas, der ankündigt, keine Mieten in den zahllosen, weltweiten Shops mehr zahlen zu wollen.

Amerikanische Historie to go (down)

Auf Rollen ziehen wir mit drei Kindern unsere tägliche Frischluft-Runde über das ehemalige Kasernengelände in Augsburg. Auch das liegt im derzeitigen Quarantäne-Schlaf. Beinahe wie im Gedenken an den derzeitigen Krisenhotspot USA treffen wir auf einen ehemaligen Besucher des Bombig, einer Garagenkneipe, die in einer alten Kradhalle beheimatet war, mit großzügigem Garten und Feuerstelle. Er zuckt entmutigt mit den Schultern: „Wir haben alles vesucht. Dieses Gelände mit Theater, Kantine und Kradhalle in historischem Gedenken zu erhalten. Das sind die letzten Reste der Geschichte. Jetzt wird das Dach abgedeckt.“ Fünf Jahrzehnte waren diverse Garnisonen amerikanischer Soldaten in Augsburg auf dem 6000 Quadratmeter großen Gelände stationiert und prägten das Bild der Stadt. Mit Abzug etablierten sich ab 2007 Probenräume für Musiker, Ateliers für Künstler, eine Clubkultur für Livekonzerte – ein ganzes Kreativ- und Kulturareal, eingeschattet unter Kastanienbäumen, den Exerzierplatz flankierend. Diverse Debatten mit Stadt, Gegnern und Engagierten später, wird das Gelände platt gemacht. Neubauten und Wohnraum sind gefragt. Die Umnutzung des Geländes, ein charme- und architektonisch verträgliches Ambiente mit Tiefgang und Substanz scheint nicht gewollt, finanzier- oder tragbar. Glücklich erhaschen wir einige der letzten Bilder auf dem Gelände. Eine unschöne Veränderung im Kleinen während der großen.

Doch wo rohe Kräfte penibel walten, entstehen in Sonderzeiten auch Kräfte, die erstaunlich scheinen. Wir beenden das Wochenende der sportlichen Fliehkräfte und amerikanischen Quarantäne mit dem Satz des Tages aus dem Mund eines Neunjährigen:

„Ich glaube, der hat zu viel Zeit in der Quarantäne verbacht!“

Sohn des Freundes, 9 Jahre alt