26.03.2020: Musik auf den Balkonen! Cool Down!

Never waste a crisis

Carmen Gräf, Journalistin aus Berlin

Um ein einstündiges Feature zu produzieren bedarf es in der Regel einiger U-Bahn-Fahrten zu Interviewpartnern, einiger Tage in der Rundfunkanstalt, um mit dem Cutter O-Töne zu schneiden und die Sendung inklusive Atmo, Musik und Sprecherstimme fertig zu produzieren. Diverse Kontakte mit Gesprächspartner, Cuttern, Produzenten oder den Redaktionsleitern sind schwerlich zu vermeiden. Just diese Produktion von Radiobeiträgen für das Kulturressort des RBB ist aber ein gewichtiges Standbein von Carmen Gräf, einer Autorin und Journalistin aus Berlin. Aufgrund des Corona-Zustands hat sie bereits seit zwei Wochen alle Interviewtermine abgesagt. Parallel zur Schulschließung in Bayern und den ersten Auflagen in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt war ihr noch nicht klar, wie sie ihre berufliche Arbeit zukünftig erledigen wird. Aber vernünftig und gesamtgesellschaftlich sinnvoll handeln und Risikogruppen schützen war ihr Ziel und sie fand das irgendwie machbar.

Carmen Gräf, Journalistin in Berlin.

Inzwischen sind 14 Tage an Einschränkungen vergangen und einige Prozesse in Arbeit und Privatleben haben sich eingeschliffen. Ihre aktuelle Situation erinnert sie unter anderem an Grobi von der Sesamstraße.

Carmen Gräf, Journalistin in Berlin, hat sich eingestellt auf den Ausnahmezustand

Auch Carmens WG-Mitbewohner, Journalist Jürgen Gressel-Hichert, hat sich eingerichtet. Seine Gedanken finden seit geraumer Zeit Platz im Shutdown – Kulturtagebuch auf rbb-online. „Man kann nichts tun. Außer alles ruhen zu lassen.“, schreibt er am 26. März. Deswegen sei Brotbacken eine hilfreiche Alternative um Geduld zu lehren und lernen. Auch dort sei vor allem Zeit gefragt. Er freut sich außerdem über jedes bisschen Normalität, wie einen blühenden Forsythienstrauch – auch wenn dieser mit Plastik-Eiern geschmückt ist. Heute empfindet er das, was ihn die letzten Jahre geschmacklich eher störte, als tröstlich.

Das Online-Tagebuch von Jürgen Gressert-Hilchert und seine Gedanken zum Shut-Down:

https://www.rbb-online.de/rbbkultur/themen/leben/beitraege/2020/shutdown/tagebuch.html

Die Tiefenkrise wird die Gesellschaft verbessern

Zukunftsforscher Matthias Horx, den Carmen Gräf zitiert, sieht die Auswirkungen der Krise auf den Einzelnen grundsätzlich sehr positiv. Freundschaften werden intimer und verlässlicher sein, so prognostiziert er in einem aktuellen Artikel. Er ist der festen Überzeugung, dass die Gesellschaft sich bessert. Seine Vorhersage lässt er auf sogenannter Re-gnose fußen, die aus der Zukunft einen entspannten Blick auf den Herbst 2020 wirft. In seinen Augen sieht diese wie folgt aus: Verstärkte Bindungen oder eine größere gesellschaftliche Höflichkeit führen zu Veränderungen. Telefonieren, Spaziergänge, Bücher, neue Prioritäten tauchen durch das erzwungene Zur-Ruhe-Kommen auf.

Krisen wirken dadurch, dass sie alte Phänomen auflösen und überflüssig machen.

System reset. Cool down! Musik auf den Balkonen!

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher

Horx erwartet demzufolge sogar ein Wiederaufleben der Kultur zugunsten der Technologie. Denn es werden letztendlich humane Fragen sein und der intelligente soziale Zusammenhalt, welche die Corona-Krise letztendlich lösen, nicht die göttergleiche Weisheit der Technik.

Horx komplette Prognose für die Zeit nach Corona liest sich in diesem Link

Meine System-Reset-Taste habe ich heute nur bei der Arbeit gedrückt und sie auf 12 Uhr Mittag geschoben, um die Facharbeit einer Freundin zu redigieren. Die ganze Welt fährt reset und ein gesunder Kopf denkt schneller als ein müder Körper. Die Kinder warten brav, wie die ganze Woche schon. Verinnerlichter Grobis Cool-Down-Modus. Statt aktueller Nachrichten ist meine Musik auf den Balkonen heute „Der Zopf meiner Großmutter“ und ein einmaliger über den Baumstamm-Spring über die Kreidestraße der Kinder. Außerdem das wichtige Telefonat mit meiner Facharbeits-Freundin führen.

Wir können aus dieser Krise persönlich und gesellschaftlich gestärkt hervor gehen – wenn wir die Situation als Herausforderung sehen.

Philosoph Heinz-Ulrich Nennen, Professor am KIT, Karlsruher Institut für Technologie