Macht urbanes Leben depressiv?

Soziale Nähe und Isolation Soziale Nähe kann ebenso wie Soziale Isolation krank machen. Neuro-Urbanistik forscht, um auch Menschen in Städten gesund zu halten.

Steile These, die im November 2019 Zeit Doctor Magazin zum Thema Psychische Gesundheit zwischen den Zeilen auftaucht, aber inzwischen leider wissenschaftlich belegt. Das gemeine Stadtleben erhöht nicht nur das Risiko für Depressivität, sondern auch für Schizophrenie und Angststörungen. Nun leben aber in der heutigen Zeit Menschen verstärkt in Städten, 70 Prozent der Weltbevölkerung sollen es bis 2050 sein, der Zuzug in kulturelle und wirtschaftlich attraktive Metropolen ist groß. Die Frage ist also – was hilft dem Einzelnen?

Neuro-Urbanistik für urbanes Glück?

Stadtbewohner erkranken also öfter – und zwar signifikant im Vergleich zur Landbevölkerung. Als urbaner Mensch trage ich ein 40 Prozent höheres Risiko an einer Depression zu erkranken, ein doppelt so hohes Risiko an Schizophrenie zu erkranken und ein 20-fach so hohes Risiko eine Angststörung zu erleiden. Das sind klare Zahlen. Die Charité Berlin, die TU Berlin, die Fliedner Klinik Berlin und die Alfred Herrhausen Gesellschaft haben 2015 das Interdisziplinäre Forum Neuro-Urbanistik gegründet – aus Mangel an Forschung zu diesem viel diskutierten Thema. Darin vereinen sich Psychiater, Depressions- und Stressforscher, Praktiker aus Architektur, Stadtplanung, Soziologie und Neurowissenschaften in der Suche nach Antworten.

Die Bad Guys: Sozialer Stress und Isolation

Projektleiter und Stressforscher Dr. Mazda Adli benennt sozialen Stress als einen der wesentlichen Risikofaktoren. Vor allem soziale Dichte und soziale Einsamkeit lassen diese Art des Stresstyps entstehen. Als Maßnahmen dagegen benennt er „Urbane Kultur“ und den Willen der Politik für Grün und öffentliche Plätze, an denen Menschen sich treffen und ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen könne. Das Forum arbeitet an einer Public Mental Health Strategie für die Städte und richtet sogenannte Neurourbanistik Salons aus, welche die Öffentlichkeit in die Diskussion bringen.

Fördern „Unorte“ Einsamkeit?

In der theoretischen Architekturdebatte wird häufig von so genannten „Unorten“ und „Orten“ gesprochen. Architekt Christoph Ingenhoven definiert diese als leere städtische Räume, denen die Eigenschaft als Ort, unter anthropologischem Gesichtspunkt abgesprochen werden kann. Diese Unorte üben auf Fotografen zwar häufig eine große Anziehungskraft ob ihres Nichts, der Strukturen und der fehlenden Seele aus, für die bewohnenden Menschen fehlt aber der „hinzufügende Aspekt, das Aufladen des Ortes, das Verankern“, so Ingenhoven. Zeitgenössischer Städtebau sei oft wie eine Ansammlung von Einzelgebäuden, wie ein Architekturzoo. Ein Konzept, eine Architektursprache aus Form und Material fehle häufig. Ingenhoven verglich beispielsweise die Speicherstadt in Hamburg, in der dieser Ansatz gelungen umgesetzt sei, mit der neuen Hafencity. Ingenhoven plädiert für Mut zur Größe und zum Städtebau als dreidimensionale Kunstform.

Viele Megastädte sind eine „wunderbare Katastrophe“. Sie stehen vor dem Verkehrs- und Armutskollaps, aber stellen gleichzeitig die Emanzipation von den Zwängen des Landlebens dar.

Christoph Ingenhoven, Architekt, in http://www.muenchenarchitektur.de

Charta der Neurourbanistik

Das Interdisziplinäre Forum Neuro-Urbanistik hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Sie will langfristig eine „Charta der Neurourbanistik“ entwickeln, die Politik und Stadtplanung für das Thema sensibilisiert und dem Einzelnen Möglichkeiten für ein Engagement in diese Richtung aufzeigt.

Auch die Alfred-Herrenhauser-Stiftung in Berlin hat sich diesem Thema verschrieben.

Am 13. November diskutieren deshalb Elisabeth Mansfeld, die Leiterin des Arbeitsfelds Stadt, Fragen zum Thema „Die Stadt von morgen“ erstmals mit Experten bei der sogenannten „Ecolution 2019“ der Stiftung in Berlin. Es geht in den Workshops vor allem um nachhaltige Stadtentwicklung mit Blick auf globale Trends wie Bevölkerungswachstum und Klimawandel. Die Evolution findet am 13. November im Cafe Moskau in Berlin erstmalig statt.

Urbane seelische Gesundheit ist Zukunftsthema.

Literaturhinweise:

http://www.muenchenarchitektur.com / Jan Esche im Gespräch mit Christoph Ingenhoven und Hans Georg Esch.

http://www.healthcapital.de/news / Innovationspreis für Interdisziplinäres Forum Neuro-Urbanistik.

http://www.alfred-herrhausen-gesellschaft.de