Kombucha, Kaffeefaser oder geleaste Jeans – Innovationen auf der Greenstyle-MUC

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Grün sind alle meine Kleider – die erste nachhaltige Messe in München

In den hohen Räumen des Westflügels der Kunsthalle grünt es. Chemiefreie und CO2-freundliche Luft verströmen Eco-Label, Fair-Trade-Vorträge und Kleidungsstücke. Zumindest ein Wochenende lang tummeln sich Verbraucher und Konsumenten auf der Plattform der Nachhaltigkeit – der Greenstyle-MUC.

Es geht um Mode oder Fashion, vor allem aber um die Frage der Nachhaltigkeit in einer der größten Industrien weltweit. Doch die eigentliche Essenz des Wochendes fand sich nicht in den Textilien, sondern in der Information und deren Geschichten.

Information und Alternativen ohne moralischen Zeigefinger

Eco-Brands in ihren Obstkisten-Messeständen präsentieren und informieren. Green Glam, der Naturkosmetikladen aus Augsburg ist da, Ansoho, Design und Nachhaltigkeit aus München, HIItu, handgefertigter Fair-Trade-Schmuck und viele andere. Der grüne Teppich wird für eine Modenschau ausgerollt, ein Award wird verliehen, es wird gefeiert. Nix Neues, also.

Aber die Informationen! Die Ideen, die sich Kreative oder Unternehmen machen, um neue Materialien zu entwickeln. Die Mühe, die sich Labels geben, um transparent zu werden, um Giftstoffe zu reduzieren und Wasser einzusparen. Die Vorträge und Gespräche.

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Die Macherinnen der ersten „grünen“ Fair-Messe in München, Mirjam Smend und Patric Bauer, haben hehre Ziele. Es geht nicht um die Einkäufer, Presse und das Fachpublikum, sondern um jeden einzelnen Konsumenten. Verbrauerorientierte Information ohne moralischen Zeigefinger also.

Suboptimale Bedingungen sind bekannt, Gegenmaßnahmen kaum

Man weiß viel über kritische Arbeitsbedingungen gen Osten oder Asien, über schlechte Entsorgung chemischer Abwässer in China, die CO2-Verschmutzung, den immensen Wasserverbrauch.

Man weiß, dass die Modeindustrie beim Thema Umweltschutz nach der Ölindustrie der zweitggrößte Umweltsünder ist. 10.000 Liter virtuelles Wasser werden für die Produktion von 2 Kilogramm Kleidung verbraucht – das Wässern der Baumwollpflanze, deren Wachstum, Reinigung, Färbung und der Gang durch unsere Waschmaschine eingeschlossen.

Gegenmaßnahmen kennt man ansatzweiße oder zu wenig. Doch sehr viele Unternehmen positionieren sich in den letzten Jahren bewusst, signalisieren Transparenz, giftfreie Materialien oder geringeren Wasserverbrauch.

Industrie und Forschung suchen neue Textilformen

Vor allem die Industrie und Forschung tüftelt. Sie entwickeln neue Materialien, die Leder ersetzen, die Altes in Neues transferieren – also re- und upcyclen. Die Branche strotzt vor Wortneuschöpfungen und Anglizismen.

Prof. Marcus Mattes, der eine Professur für Mode- und Designmanagement an der AMD Akademie Mode & Design inne hat, stellt in einem Vortrag auf der Greenstyle-MUC einige Materialien und Unternehmen vor.

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Professor Mattes, AMD: „Mode, Kleidung und Textil müssen neu gedacht werden“

Was passiert mit der Umwelt, was mit den Menschen?

Nur ein paar Schlagworte, kurz ins Gedächtnis gerufen:

  • Die Textilindustrie ist nach der Ölindustrie der größte Umweltverschmutzer
  • Über 2/3 der Flüsse und Seen in China sind mit Chemikalien verseucht
  • Von 432 Abflussstationen in China halten sich 2/3 nicht an die Standards, Chemikalien werden oft ungeklärt weitergeleitet
  • Die Flüsse enthalten Quecksilber, Blei, Kadmium, Chrom und Kupfer
  • Für eine Jeans werden 7000 Liter Wasser verbraucht
  • Durch Herstellung, Transport und Gebrauch werden jährlich mehr als 850 Millionen Tonnen CO2 produziert – das ist 80 mal mehr als der Ausstoß aller internationalen Flüge und Kreuzfahrtschiffe
  • weniger als 1 Prozent der produzierten Textilien wird für neue Kleidungsstücke recycelt
  • Textilmüll fällt bei zweiwöchigen Produktionszyklen tonnenweise an. Wohin damit?

Die Arbeitsbedingungen sind kritisch – nach wie vor

  • Eine Näherin in Indien verdient nicht nur 65 Euro im Monat, sie ist schlechten, teilweise giftigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt
  • Illegale Produktionsstätten: In Großbritannien oder Italien werden illegale Immigranten dazu gezwungen für 4 Euro pro Stunde Kleidung zu nähen

Konsumkollaps durch Fast-Fashion

Das Konsumentenverhalten:

  • Der Absatz von Kleidung hat sich von 2002-2015 verdoppelt
  • Jeder Deutsche besitzt im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke
  • Er kauft jedes Jahr 10 Kilogramm Kleidung
  • In der Regel sortiert er spätestens nach 3 Jahren die Hälfte seiner Textilien aus. Sie werden weggeworfen oder in Kleidertonnen geschmissen
  • Tauschen, Wiederverwerten, Verschenken sind nicht die Regel
  • Jährlich werden 1,3 Millionen Tonnen Kleidung entsorgt
  • Die Hälfte dieser Altkleider wird zu Putzlappen, die dann auf dem Müll landen – echte Faser-zu-Faser-Wiederverwertung findet kaum statt

Was tun, um die Umwelt zu schützen? Erste Ansätze der Industrie:

Es gibt inzwischen einige Ansätze. Unternehmen und die Branche bewegen sich. Teilweise behäbig wie ein Elefant, teilweise losgelöst von der Gruppe als kleines Einzelunternehmen. Ein paar Beispiele sollen dafür reichen.

Unternehmen verpflichten sich auf transparente Art und Weise, bis 2020 Schadstoffe durch ungiftige Materialien zu ersetzen. In Deutschland deckt die Detox-Vereinbarung 30 Prozent des Textilmarktes ab, darunter Anbieter von Sportbekleidung wie Puma, von Outdoor-Bekleidung wie Vaude, Einzelhändler wie Lidl bis hin zu Fast-Fashion-Konzernen des Mainstreams wie H&M und Zara. Weltweit verpflichteten sich unter dem Druck der Kampagne 80 Firmen. (Greenpeace, 12.7.2018)

Detox-Trendsetter sind spannenderweise die häufig kritisch gesehenen Firmen Adidas, H&M, Zara, Puma, Burberry, Mango und sogar Primark. Zu den Detox-Schlusslichtern gehören laut Greenpeace neben Gap und Diesel auch die großen Luxuslabels Versace, Louis Vuitton, Hermès, D&G und Armani gehören.

  • Das nachhaltige Baumwoll-Versprechen

H&M, Nike und Asos waren unter den ersten 13 Unternehmen, die im Juni 2017 eine Vereinbarung zur Sustainable Cotton Pledge unterzeichnet haben. Dem vorangegangen war ein Treffen der Industrie im Mai 2017, die diesen zwar kleinen, aber ehrbaren Schritt in Richtung Nachhaltigkeit eingeleitet hat.

Neue Materialien – Re- und Upcycling

  • Bioleder aus Kombucha

Suzanne Lee aus London und ihr Unternehmen BioCouture lassen Mikroben durch Fermentation mikrobielle Zellulose entwickeln. Diese Membran kann in Kopfhörern, als Papier oder in Taschen, Schuhen oder Jacken weiterverarbeitet werden. Biocouture will außerdem eine globale Zusammenarbeit der Community für biologisches Material ermöglichen.

  • Kaffeesatz für Funktionskleidung

Weggeworfener Kaffeesatz für Funktionskleidung. Das Unternehmen Singtex Industrial fertigt seit knapp zehn Jahren Kleidung aus der Kaffeefaser. Wissenschaftliche Tests belegen, dass durch den Einsatz von Kaffee der Anspruch der Funktionsjacke – der UV-Schutz, die schnelle Trocknung und Geruchsneutralisierung- durch die Kaffeefaser verbessert wird.

  • Abfall der Ananasblätter als Lederersatz

Das nachhaltige Pinatex-Material ist ein Nebenprodukt der Ananasernte. Es benötigt keine zusätzlichen Ressourcen. Die Zellstofffasern, die aus Ananas gewonnen werden, leisten als Lederalternative gute Dienste. Das Unternehmen Bourgouise Boheme verarbeitet diese zu  veganen Schuhen.

  • Clutches aus PET-Flaschen

Bottletop ist ein Unternehmen aus Großbritannien, dessen Taschen und Accessoires vorwiegend aus PET-Flaschen produziert werden, inklusive der Metallverschlüsse, die wiederum aus recyceltem Material hergestellt werden. Das ganzheitliche Konzept setzt sich im gleichnamigen Store fort, der aus einem 3-D-Druck aus 60 000 Plastikflaschen mit einem Boden aus alten Autoreifen und einer Decke aus alten Getränkedosen besteht.

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Was und wie haben es die Unternehmen in Sachen fair wirklich drauf?

People Tree ist ein Unternehmen, das als Pionier in Sachen nachhaltiger und fairer Mode gilt. Die gesamte Wertschöpfungskette ist zu 100 Prozent fair. Außerdem unterstützt das Unternehmen seine Partner ökonomisch unabhängig zu werden, umweltbewusst zu produzieren. Sie leisten quasi „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Lease a Jeans: Mudjeans arbeitet mit der Idee, den Produktkreislauf zu schließen. Eine Jeans kann für ein Jahr geleast werden, abgetragen zurück gegeben und gegen eine neue ausgetauscht werden. Die alte Jeans wird recycelt. Das Unternehmen übernimmt Verantwortung für das Produkt, das es produziert hat.

Was können lokale Labels aus Augsburg?

Degree Clothing produziert Streetwear. Seit 2015. Das tun die Surfer ökologisch, fair und mit voller Überzeugung. In der Türkei angebaute Baumwolle wird in Portugal produziert. Haargummis und Mützen sogar in Augsburg. Das hauseigene, auch mit hausfremden Marken bestückte Outlet „Suslet“ für faire produzierte Mode ist deshalb mit selbstgebauter Einrichtung konsequent zu Ende und in Richtung überregionale Streuung gedacht.

Green Glam, der Flagship-Store im Biokosmetik-Betrieb in fuggerschen Renaissance-Räumen, ist schon 10 Jahre in Augsburg und deutschlandweit präsent. Dr. Christina Kraus ist promovierte Pharmazeutin und hat mit GreenGlam einen wegweisenden Online-Shop aufgebaut. Alle Produkte sind nachhaltig und natürlich gedacht und produziert. Mit Gütesiegel.

Und da ist noch glore, das in Nürnberg gestartet ist, Deargoods, das aus München stammt und die zahlreichen Einzelkämpfer, die ihre Produkte unlängst in der Anna-Straße im POP-UP-STore des Augsburger Marketings präsentierten.

Was bleibt und wird?

Viele Brands integrieren Social Responsibility in ihr Unternehmenskonzept. Doch ohne bindenden Ansatz wird nicht nachhaltig produziert werden. Es geht nicht um eine Kollektion und einzelne Unternehmen, sondern um das Bewusstsein einer ganzen Industrie.

Diese wird durch Konsumenten und durch Non-Profit-Organisationen zwar dazu gezwungen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es fehlt aber eine Aneignung des Themas aus sich selbst heraus – ohne Siegel, Bündnisse und allerlei andere Motivationen.

Grün hinter den Ohren ist nicht mehr!

Patagonia, Hess Natur oder Armed Angels sind Unternehmen, die seit Jahren oder Jahrzehnten diesen Gedanken verinnerlicht haben. Die Szene der nachhaltigen Labels, die Bewusstseinsarbeit leistet und mehr als eine Blase darstellt.

Oder der bewusste, kritische Konsument, quasi der Slow-Fashion-Movement-Käufer – wenn schon immer alles gelabelt sein muss.

Was tun die Unternehmen wirklich, wie produzieren kleine Betriebe, was kann Re- und Upcycling und vermögen die neu entwickelten Materialien?

Das ist die Zukunftsfrage.